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Das Problem
Die Baeckerei — Was sollen wir produzieren?

Eine Baeckerei moechte ihren Gewinn maximieren. Sie kann zwei Produkte herstellen:

🍞
Brot (\(x_1\))
Gewinn: 3 EUR
Mehl: 2 kg
Zeit: 1 Std
🍰
Kuchen (\(x_2\))
Gewinn: 5 EUR
Mehl: 1 kg
Zeit: 2 Std
🏭
Ressourcen
Mehl: 8 kg
Zeit: 8 Std
 
Maximiere \(\;Z = 3x_1 + 5x_2\)
Nebenbedingungen: \(2x_1 + x_2 \le 8\) (Mehl), \(\;x_1 + 2x_2 \le 8\) (Zeit), \(\;x_1, x_2 \ge 0\)
Zulaessiger Bereich
0 1 2 3 4 0 1 2 3 4 x₁ (Brote) x₂ (Kuchen) 2x₁+x₂=8 (Mehl) x₁+2x₂=8 (Zeit) (0,0) (4,0) (8/3, 8/3) (0,4)
4 Ecken = 4 moegliche Loesungen
Ecke\(x_1\)\(x_2\)Z
(0, 0)000 EUR
(4, 0)4012 EUR
(8/3, 8/3)2.672.6721.33 EUR
(0, 4)0420 EUR
Kernidee
Der Simplex prueft nicht alle Ecken. Er wandert clever von Ecke zu Ecke und findet das Optimum mit nur 3 Schritten statt 4!
0
Schritt 0: Wir starten bei NULL
🛑 Die Baeckerei ist geschlossen. Wir produzieren NICHTS. Kein Brot, kein Kuchen. Der Gewinn ist null — aber alle Ressourcen sind noch da.
0 1 2 3 4 0 1 2 3 4 x₁ x₂ START START: (0, 0)

Status: Ecke (0, 0)

Position(0, 0)
\(x_1\) (Brote)0
\(x_2\) (Kuchen)0
Gewinn Z3 · 0 + 5 · 0 = 0 EUR

Mehl uebrig8 kg (alles!)
Zeit uebrig8 Std (alles!)

Schlupf \(s_1\) (Mehl)8
Schlupf \(s_2\) (Zeit)8
Anfangs-Tableau
BV\(x_1\)\(x_2\)\(s_1\)\(s_2\)RHS
\(s_1\)21108
\(s_2\)12018
Z−3−5000

Die Basisvariablen (BV) sind \(s_1\) und \(s_2\) — die Schlupfvariablen. Sie messen, wie viel von jeder Ressource noch uebrig ist.

1
Schritt 1: Welches Produkt bringt am meisten?
🤔 Wir schauen uns die Gewinne pro Stueck an: Brot bringt 3 EUR, Kuchen bringt 5 EUR. KUCHEN bringt mehr! Also fangen wir mit Kuchen an.
Die Z-Zeile lesen — Warum schauen wir dorthin?
BV\(x_1\)\(x_2\)\(s_1\)\(s_2\)RHS
\(s_1\)21108
\(s_2\)12018
Z−3−5000

−3 bei \(x_1\) heisst: „Pro Brot 3 EUR Gewinn“

−5 bei \(x_2\) heisst: „Pro Kuchen 5 EUR Gewinn“

Wir waehlen die NEGATIVSTE Zahl: −5 → Kuchen (\(x_2\))

Das ist die Pivotspalte (blau markiert).

Oekonomische Kernfrage
Der Simplex fragt: „Wenn ich ein Produkt von Null hochfahre — welches bringt am meisten pro Stueck?“ Das ist der Deckungsbeitrag (marginal profit contribution)!
2
Schritt 2: Wie viele Kuchen koennen wir maximal backen?
📊 Wir wollen NUR Kuchen backen (\(x_2\)), keine Brote (\(x_1 = 0\)). Aber wie viele Kuchen gehen, bevor eine Ressource alle ist?
Engpassanalyse — Welche Ressource limitiert?
Mehl: Pro Kuchen 1 kg, verfuegbar 8 kg Max 8/1 = 8 Kuchen
8 Kuchen moeglich
Zeit: Pro Kuchen 2 Std, verfuegbar 8 Std Max 8/2 = 4 Kuchen
4 Kuchen moeglich
ENGPASS!
Wir koennen nicht 8 Kuchen backen — die ZEIT reicht nur fuer 4! Der Engpass bestimmt die Menge.
Quotientenregel im Tableau
BV\(x_1\)\(x_2\)\(s_1\)\(s_2\)RHSQuotient
\(s_1\)211088/1 = 8
\(s_2\)120188/2 = 4 ← MIN
Z−3−5000
Mehl-Zeile (\(s_1\))
8 / 1 = 8
Mehl reicht fuer 8
Zeit-Zeile (\(s_2\)) — ENGPASS
8 / 2 = 4
Kleinster Quotient gewinnt!

Das Pivot-Element ist die 2 — am Schnittpunkt der blauen Spalte (\(x_2\)) und der orangen Zeile (\(s_2\)).

3
Schritt 3: Wir backen 4 Kuchen! Neue Ecke: (0, 4)
🍰 Wir backen jetzt 4 Kuchen, kein Brot. Die Zeit ist aufgebraucht, aber es ist noch Mehl uebrig. Der Gewinn springt auf 20 EUR!
0 1 2 3 4 0 1 2 3 4 x₁ x₂ alt Pivot 1 HIER JETZT: (0, 4)

Status: Ecke (0, 4)

Position(0, 4)
\(x_1\) (Brote)0
\(x_2\) (Kuchen)4
Gewinn Z3 · 0 + 5 · 4 = 20 EUR

Mehl uebrig8 − 1·4 = 4 kg
Zeit uebrig8 − 2·4 = 0 Std — AUFGEBRAUCHT!

Schlupf \(s_1\) (Mehl)4
Schlupf \(s_2\) (Zeit)0
Mehl4 / 8 kg
50%
Zeit0 / 8 Std
100% verbraucht!
Neues Tableau nach Pivot 1
BV\(x_1\)\(x_2\)\(s_1\)\(s_2\)RHS
\(s_1\)3/201−1/24
\(x_2\)1/2101/24
Z−1/2005/220
Sind wir fertig?
Die Zeit ist aufgebraucht (\(s_2 = 0\)). Aber wir haben noch 4 kg Mehl uebrig! Und in der Z-Zeile steht noch −1/2 bei \(x_1\). Das heisst: Auch Brote wuerden den Gewinn noch erhoehen! Also weiter — wir sind noch nicht optimal.
4
Schritt 4: Jetzt auch Brote dazu?
🍞 Die Z-Zeile sagt: Pro Brot wuerden wir noch 0.50 EUR MEHR Gewinn machen (die −1/2 bei \(x_1\)). Also lohnt sich auch Brot! Aber wie viel?
Zweites Pivotieren — Pivotspalte: \(x_1\)
BV\(x_1\)\(x_2\)\(s_1\)\(s_2\)RHSQuotient
\(s_1\)3/201−1/244/(3/2) = 8/3 ← MIN
\(x_2\)1/2101/244/(1/2) = 8
Z−1/2005/220
Mehl-Zeile (\(s_1\)) — ENGPASS
4 / (3/2) = 8/3
Mehl begrenzt auf ~2.67 Brote
Kuchen-Zeile (\(x_2\))
4 / (1/2) = 8
Kuchen-Kapazitaet reicht fuer 8
Oekonomische Erklaerung -- Das Herzsueck des Simplex

Was passiert hier genau? Wir sind bei Ecke (0, 4): Null Brote, 4 Kuchen, Gewinn = 20 EUR.

Die Z-Zeile zeigt \(-\frac{1}{2}\) bei \(x_1\). Das heisst: Jedes zusaetzliche Brot wuerde den Gewinn um 0.50 EUR erhoehen. Aber Achtung -- ein Brot braucht Ressourcen, die gerade woanders gebunden sind!

Der Tausch: Brote gegen Kuchen
  • Ein Brot braucht 2 kg Mehl und 1 Std Zeit
  • Aber die Zeit ist bereits komplett aufgebraucht (s₂ = 0)!
  • Um Zeit fuer ein Brot freizumachen, muessen wir Kuchen reduzieren
  • Genauer: Ein halber Kuchen weniger gibt 1 Stunde frei (1 Kuchen = 2 Std)
  • Netto-Effekt: +3 EUR (Brot) - 2.50 EUR (halber Kuchen weniger) = +0.50 EUR
Deshalb ist die -1/2 in der Z-Zeile so wichtig!

Sie sagt: «Netto, nach Beruecksichtigung aller Tauscheffekte, bringt ein zusaetzliches Brot noch 0.50 EUR mehr Gewinn.» Das ist der reduzierte Deckungsbeitrag (reduced cost) -- der wahre Gewinn nach Abzug der Opportunitaetskosten.

Wie viele Brote koennen wir dazunehmen?

Jedes Brot verbraucht effektiv \(\frac{3}{2}\) Einheiten der verbleibenden Mehl-Reserve (nach Beruecksichtigung des Kuchen-Tauschs). Wir haben noch \(s_1 = 4\) Einheiten Mehl-Reserve.

\(\text{Max. Brote} = \frac{4}{3/2} = \frac{8}{3} \approx 2{,}67\)

Bei 2.67 Broten ist das Mehl komplett aufgebraucht. Gleichzeitig sinkt die Kuchenzahl von 4 auf \(4 - \frac{1}{2} \cdot \frac{8}{3} = 4 - \frac{4}{3} = \frac{8}{3} \approx 2{,}67\).

Neues Ergebnis: 8/3 Brote + 8/3 Kuchen = Gewinn von 64/3 ≈ 21.33 EUR

Der Simplex macht diesen Tausch automatisch durch das Pivotieren. Was hier in Worten erklaert wurde, steckt in den Zeilenoperationen der Tabelle. Die Z-Zeile ist die «Gewinnverbesserungs-Anzeige» -- solange negative Zahlen drin stehen, lohnt sich ein Tausch!

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Schritt 5: Optimum gefunden! Ecke (8/3, 8/3)
🏆 Wir backen jetzt ~2.67 Brote UND ~2.67 Kuchen. ALLE Ressourcen sind aufgebraucht — nichts bleibt uebrig! Der Gewinn ist maximal: 64/3 ≈ 21.33 EUR.
0 1 2 3 4 0 1 2 3 4 x₁ x₂ P1 P2 OPTIMUM! (8/3, 8/3) Z = 0 Z = 20

Status: OPTIMUM (8/3, 8/3)

Position(8/3, 8/3) = (2.67, 2.67)
\(x_1\) (Brote)8/3 ≈ 2.67
\(x_2\) (Kuchen)8/3 ≈ 2.67
Gewinn Z64/3 ≈ 21.33 EUR

Mehl uebrig0 kg — alles verbraucht!
Zeit uebrig0 Std — alles verbraucht!

\(s_1\) (Mehl)0
\(s_2\) (Zeit)0
Mehl0 / 8 kg
100%
Zeit0 / 8 Std
100%
Finales Tableau — OPTIMAL
BV\(x_1\)\(x_2\)\(s_1\)\(s_2\)RHS
\(x_1\)102/3−1/38/3
\(x_2\)01−1/32/38/3
Z001/37/364/3
OPTIMALITAETSBEWEIS
KEINE negativen Zahlen mehr in der Z-Zeile! Die Werte 1/3 und 7/3 sind positiv. Das bedeutet: Kein Produkt kann den Gewinn noch verbessern.

Bonus: Die Werte \(1/3\) und \(7/3\) in der Z-Zeile sind die Schattenpreise: Ein zusaetzliches kg Mehl waere 0.33 EUR wert, eine zusaetzliche Stunde Zeit sogar 2.33 EUR!
R
Die Reise auf einen Blick
0 1 2 3 4 0 1 2 3 4 x₁ (Brote) x₂ (Kuchen) 4,0 Z = 12 nicht besucht 0 START (0, 0) Z = 0 EUR 1 Pivot 1 (0, 4) Z = 20 EUR OPTIMUM (8/3, 8/3) Z = 64/3 ≈ 21.33 EUR Legende Start Zwischenschritt Optimum
Effizienz des Simplex
Der Simplex besucht nur 3 von 4 Ecken — und findet trotzdem das Optimum! Bei grossen Problemen mit tausenden Ecken spart das enorm viel Rechenzeit. Der Schluessel: Jeder Schritt verbessert den Gewinn garantiert.
Z
Zusammenfassung: Das Simplex-Rezept
Der Simplex stellt Geschaeftsfragen!

Hinter der Mathematik stecken einfache oekonomische Entscheidungen:

  1. Starte bei Null: Produziere nichts. Alle Schlupfvariablen sind maximal — alle Ressourcen sind noch da.
  2. „Welches Produkt bringt den hoechsten Deckungsbeitrag?“
    Schaue in die Z-Zeile: Die negativste Zahl zeigt das profitabelste Produkt. Das ist die Pivotspalte.
  3. „Wie viel kann ich davon maximal produzieren?“
    Berechne die Quotienten RHS / Pivotspalte. Der kleinste Quotient zeigt den Engpass. Das ist die Pivotzeile.
  4. Produziere! Pivotieren = Tabelle umrechnen. Ein neues Produkt kommt in die Basis, die engpass-Ressource geht raus.
  5. Wiederhole, bis nichts mehr den Gewinn verbessert: Keine negativen Zahlen in der Z-Zeile → OPTIMUM erreicht!
Mathematische Sprache
Pivotspaltenegativste Zahl in Z-Zeile
Pivotzeilekleinster Quotient
Pivot-ElementKreuzung Spalte × Zeile
PivotierenGauss-Elimination
Optimalitaetalle Z-Zeile ≥ 0
Oekonomische Sprache
Pivotspalteprofitabelstes Produkt
Pivotzeileknappe Ressource (Engpass)
Pivot-ElementVerbrauch des Engpasses
PivotierenProduktionsmix anpassen
Optimalitaetnichts lohnt sich mehr
Die Kernbotschaft
Der Simplex stellt Geschaeftsfragen: Was produzieren? Wie viel? Lohnt es sich noch?
Die Mathematik (Pivotieren, Gauss) ist nur das Werkzeug — die Logik dahinter ist reine oekonomische Entscheidungsfindung.